mit freundlicher Unterstützung der Redaktion newsage
Abonnement-Informationen: www.newsage.de

What is Enlightment - Artikel (PDF)

mit freundlicher Unterstützung der Redaktion der deutschen Ausgabe von "What is Enlightenment" www.wie.org/de

Auf der Suche nach Seele in Hollywood

ALL DIE IRONIEN UND KOMPLEXITÄTEN des spirituellen Lebens in Amerika reisen mit, als ich, Salzgebäck knabbernd, auf einem Flug von Albany nach Orlando noch einmal Die Prophezeiungen von Celestine lese. Ich bin auf dem Weg zu einem Drehort in der Mitte von Florida, wo ich James Redfield treffen werde, den Autor dieser populären spirituellen Saga, die die Nation vor einem Jahrzehnt erstmals im Sturm eroberte. Nach jahrelangem Drängen der Filmstudios bereitet er Die Prophezeiungen von Celestine nun endlich auch für das Kino auf, und er hatte uns eingeladen, ihn zu besuchen, um bei der Entstehung des Films dabei zu sein. Einen Monat lang hatte ich mich auf meine Reise vorbereitet. In dieser Zeit waren mir die Charaktere des Buches richtig ans Herz gewachsen: Der raubeinige Abenteurer Wil, die Wissenschaftlerin Marjorie, von der man sich immer wünscht, sie würde etwas koketter sein, und der stille, stämmige Pater Sanchez. Vor allem aber war ich von dem Buch als kulturellem Phänomen fasziniert, von seiner beeindruckenden Größe, die vielleicht nur mit der, sagen wir einmal, der peruanischen Anden vergleichbar ist.

DieProphezeiungen von Celestine sind - vielleicht mehr als jedes andere New Age-Produkt – dafür bekannt, extreme Reaktionen hervorzurufen: Entweder lieben die Leute das Buch oder sie hassen es von ganzem Herzen. Tom Butler-Bowdon, der Autor von ‚50 Lebenshilfe-Klassiker' beschreibt es so:"Die beiden häufigsten Reaktionen sind entweder ‚es veränderte mein Leben' oder ‚das ist totaler Schund'." Ich muss zugeben, dass ich mich früher im zweiten Lager befand, wobei meine Einstellung eher auf Unwissenheit als auf einer wohlüberlegten Meinung beruhte – meine Großmutter schenkte mir das Buch kurz nach seiner Veröffentlichung, aber gelesen hatte ich es nie. Ich war ein arroganter Student und dachte, das New Age wäre der Vorbote für das Scheitern der westlichen Zivilisation.

Damals nahm ich an, dass der beispiellose Erfolg von Redfields Erzählung für die Spiritualität einen Riesenschritt abwärts auf dem rutschigen Abhang der Pop-Kultur bedeutete. (Schließlich bin ich ein Kind der Generation X. Ich neige zu übertriebener Kritik am hypnotisierten amerikanischen Konsum, wohingegen mich meine eigene Teilhabe daran nicht im Geringsten stört.) Ob es für die Spiritualität ein Schritt abwärts war oder nicht, sei einmal dahingestellt, aber ich frage mich nun, ob es für die Pop-Kultur nicht auch ein gigantischer Schritt nach oben war. Nie zuvor war ein spirituelles Buch so tief in das zeitgenössische weltliche Massenbewusstsein eingedrungen, nie war Spiritualität dermaßen populär gewesen. Das New Age erlebte seine Blütezeit, und die gesammelte Weisheit der Jahrhunderte – von Buddha über Rumi bis hin zu Redfield – lag in den Schaufenstern fast aller Buchhandlungen. Auch ich war davon abhängig, denn ich folgte dem Pfad meiner eigenen spirituellen Interessen ebenfalls in erster Linie in den Buchregalen für Spiritualität.

Und jetzt komme ich in den Genuss einer Gelegenheit, um die mich Millionen von Celestine-Fans beneiden würden. Ich darf aus erster Hand einen – selten möglichen – Blick auf die nächste Episode der Entwicklung dieser modernen spirituellen Geschichte werfen. Und wenn ich mir eines sicher bin, dann ist es, dass an dieser Geschichte weit mehr sein muss, als das, was ich bisher gehört habe.

VON DER BUCHSENSATION ZUM SUNSET STRIP 1993 ursprünglich im Selbstverlag als Paperback herausgegeben (Redfield verteilte diese erste Ausgabe von Hand aus dem Kofferraum seines Wagens), erreichte Die Prophezeiungen von Celestine binnen sechs Monaten eine Druckauflage von 100.000 Exemplaren. Bald darauf erklomm die bei Warner Books erschienene gebundene Ausgabe die Bestsellerlisten der New York Times, wo sie sich mehr als drei Jahre lang hielt. Alles in allem gibt es heute weltweit rund 12 Millionen gedruckte Exemplare in mehr als 40 Sprachen. Zählt man die Verkäufe aller Redfield-Bücher (einschließlich der beiden Fortsetzungen und einer Hand voll anderer) zusammen, kommt man auf die unglaubliche Summe von 20 Millionen. Das Buch wurde zudem – und dies ist noch bedeutsamer – zum Auslöser einer landesweiten Flut von Diskussionsgruppen in Kirchen, Seminaren in metaphysischen Buchhandlungen und Selbsterfahrungskursen wie "Deine Celestine-Reise – eine Abenteuerschatzsuche". Die Liste ist endlos. Und nun setzt es seine offenbar vorbestimmte Reise fort – in ein Kino in Ihrer Nähe.

Für Fans der Prophezeiungen vonCelestine kann es wohl kaum eine bessere Nachricht geben. Doch die größere Bedeutung dieses lang ersehnten Sprungs auf die Kinoleinwand liegt in der Tatsache, dass der Film mehr repräsentiert als nur sich selbst: Er steht nämlich stellvertretend für eine ganze popspirituelle Bewegung, die im heutigen amerikanischen Leben rasant großen sozialen und kulturellen Einfluss gewinnt. An und für sich ist das Ganze eine simple Abenteuergeschichte, die Geschichte eines jedermann (im Buch namenlos, im Film John Woodson genannt), der nach Peru reist, um nach einem antiken Manuskript zu suchen, das neun Erkenntnisse über ein neues erleuchtetes Bewusstsein zum Inhalt hat – Erkenntnisse, so Redfields Voraussage, die wir Menschen nach und nach verstehen werden, "derweil wir uns auf eine durchweg spirituelle Kultur auf Erden zubewegen". Auf seinem Weg zum Machu Picchu und dem Höhepunkt der Geschichte – der Entdeckung der Neunten Erkenntnis - erlebt Woodson eine Reihe von Zufallsbegegnungen mit Freund und Feind (Suchern, Wissenschaftlern und rebellischen Priestern, die entschlossen sind, die Lehren der alten Schriften ans Licht zu bringen, Kirchenmännern, Regierungsbeamten und einem internationalen Kartell, das darauf versessen ist, jede einzelne der Befreiung bringenden Seiten zu zerstören).

Es ist aber auch eine spirituelle Parabel, die die innere Reise des Helden nachzeichnet – in diesem Fall seine Entdeckung einer richtungweisenden Intuition, welche sich durch Synchronizität oder bedeutungsvolle Zufälle manifestiert: zwei oder mehr Ereignisse, die ohne einen kausalen Zusammenhang miteinander geschehen, deren Beziehung aber deutlich jenseits der Möglichkeit reinen Zufalls liegt. "Was mir an der Geschichte gefällt", sagt Schauspieler Matthew Settle, der die Rolle des John Woodson übernommen hat, "ist, dass Staunen und Wunder in das Leben dieses Menschen zurückkehren. John führt ein langweiliges und bedeutungsloses Leben, in dem er keinen Sinn für sich entdecken kann. Doch als er beginnt, sich der Zufälle gewahr zu werden und seiner Unsicherheit zu vertrauen, da findet er eine neue Art von Sicherheit, indem er nun dem Fehlen von Sicherheit vertraut, verstehen Sie? Er findet Vertrauen in das Leben, Vertrauen in eine Gottesmacht und gibt sich etwas hin, das anderenfalls ein beängstigendes Terrain gewesen wäre. Es ist ein Weg des Glaubens."

Vor dem Hintergrund unserer postmodernen Rastlosigkeit und des geradezu sprichwörtlichen Sinnverlusts kann diese Erzählung über Woodsons Weg des Glaubens als Geschichte einer allgemeinen Massenbewegung gelesen werden, deren Umfang die bereits sehr ansehnliche Celestine-Domäne noch bei weitem übertrifft. Da wären zum Beispiel der unnachahmliche Deepak Chopra (er schrieb 35 Titel, die ebenfalls weltweit 20 Millionen mal verkauft wurden) mit seinem kürzlich erschienenen The Spontaneous Fulfillment of Desire: Harnessing the Infinite Power of Coincidence; oder Self-Empowerment Guru Dr. Wayne Dyers The Power of Intention: Learning to Co-Create Your World Your Way, in diesem Jahr druckfrisch erschienen (Dyers bisherige Bilanz: 21 Titel, 30 Millionen verkaufte Bücher). Dann ist da noch Paulo Coelhos Klassiker Der Alchimist (1988), der es auf Schwindel erregende 27 Millionen Exemplare in 56 Sprachen gebracht hat und in dem Ruf steht, Madonnas Lieblingsbuch zu sein. An der Peripherie dieses Territoriums befinden sich noch Dutzende, wenn nicht gar Hunderte weiterer Schriftsteller, deren bekannteste Vertreter Neale Donald Walsch und Richard Bach sind. Walsch ist Autor der Buchreihe Gespräche mit Gott (7 Bände, 7 Millionen Exemplare), deren erster Band zweieinhalb Jahre auf der New York Times Bestsellerliste stand. Und Bachs Buch Illusionen (1977), das sich in 27 Jahren 15 Millionen mal verkaufte, ist immer noch so erfolgreich, dass Hampton Roads Publishing erst im letzten August einen Begleitband, The Messiah's Handbook, herausgab.

Dies sind die Megastars eines Trends im Verlagsgeschäft, der keinerlei Anzeichen von Rückläufigkeit aufweist. Ihre Botschaften, die sie für weltweit mindestens 50 Millionen Sucher bereithalten, haben eine bemerkenswerte Übereinstimmung, aber das ist nicht die einzige Gemeinsamkeit. Es stimmt, außer den Prophezeiungen von Celestine sind noch andere weltlich spirituelle Parabeln auf dem Weg nach Hollywood. Der Celestine-Produzent Barnet Bain wird sich als nächstes Illusionen vornehmen, und Laurence Fishburne arbeitet derzeit an einem Drehbuch für Der Alchimist, in dem er – neben Jeremy Irons und (wer hätte es gedacht) Madonna – auch eine Hauptrolle übernehmen wird. Aber DieProphezeiungen von Celestine werden als Erstes erscheinen, und es könnte gut sein, dass sie den Beginn einer neuen Epoche in Hollywood einleiten: der New Age-Filmproduktion.

"Als Nachwirkung eines Erfolgs wie Mel Gibsons Die Passion Christi sagt Bain, "bekommt das Marktpotenzial eines Publikums, das sich für religiöse oder spirituelle Werte interessiert, nun erneut große Beachtung. Und wenn man ein bereits bestehendes Markenzeichen hat, das in der Kultur so sehr gewürdigt wird wie DieProphezeiungen von Celestine, dann kommt dabei etwas viel Größeres heraus als die Summe der Teile. Illusionen und Der Alchimist könnten sicherlich zur selben Kategorie gehören. Wenn man in der Geschichte der New Age-Bewegung ungefähr 20 oder 25 Jahre zurückschaut, dann findet man nur drei, vielleicht vier Erzählungen, die als glaubwürdige Geschichten gelten, und das sind genau diejenigen, über die wir hier sprechen. Sie bilden die Vorhut in der Erforschung einer gerade erst entstehenden persönlichen, spirituellen Philosophie. Sie sind Rorschachtests.“

Sollte sich The Celestine Prophecies: The Movie auch nur annähernd als so erfolgreich erweisen, wie es einige aus der Filmbranche voraussagen, dann wird seine spirituelle Thematik eine beispiellose Schar von Kinogängern erreichen. Vielleicht wird dies ja der größte Schritt dahin sein, die kritische Masse zu erreichen, die Redfield und viele andere für notwendig befinden, um auf breiter Basis einen evolutionären Umschwung in der Kultur auszulösen. (Und falls alles gut läuft, dann möchte ich wetten, dass neben Illusionen und Der Alchimist die Verfilmung von Redfields Folgebänden The Tenth Insight und Das Geheimnis von Shambala gewiss nicht lange auf sich warten lassen.) Ob diese Aussichten nun freudige Aufregung oder eher Unbehagen auslösen, sie sind Anlass genug, dass wir einmal innehalten und uns fragen: Kann die Pop-Spiritualität uns retten?

Eine einzige synchronistische Reise

EINE EINZIGE SYNCHRONISTISCHE REISE

Prakasha im Sanskrit–die Fähigkeit, durch die Welt hindurch zu sehen, als sei sie ein durchscheinendes Gewand. Zu sehen, dass ein Ereignis dir zuwinkt und dir sagt, was zu tun ist.“ Michael Murphy

Nachdem ich über den Kamm eines bewaldeten Bergrückens gekommen bin und nun über Schotterstraßen in einen alten Kalksteinbruch hinunter holpere, der ganz in der Nähe des Örtchens Ocala liegt, kann ich zwar keine gigantischen Tempelnachbauten oder Machu Picchus Attrappen entdecken, aber ich weiß, dass sie hier irgendwo sein müssen. Ich bin neugierig, mehr über Synchronizität heraus zu finden, und weiß noch nicht, dass ich an diesem Wochenende mehr Geschichten über bedeutungsvolle Zufälle hören werde als in meinem ganzen bisherigen Leben. Nachdem der Fahrer mich aus dem Wagen gelassen und mir den Weg gewiesen hat, wandere ich, umgeben vom Stimmengewirr emsiger Techniker und Ingenieure, durch eine Ansammlung von Tiefladerhängern und Wohnwagen hindurch, bis ich um eine Ecke komme, von wo aus ich auf einem Hügel eine ausgesprengte Kirche mit geschwärztem Dach und zerbrochenem Kreuz erblicke. An die 150 Leute arbeiten hier, unter ihnen eine kleine Gruppe, die in eine angeregte Diskussion vertieft ist–die Regisseure und Produzenten. Als ich mich ihnen nähere, erhebt sich ein großer schlanker Mann mit kurz gestutztem Bart, um mich zu begrüßen. Ich mache mich mit James Redfield bekannt.

, und gebannt beobachtete er, wie sich sein Leben vor seinem inneren Auge entfaltete. Er sah sich selbst, sah, wie er ein Schriftsteller wurde. Er sah sich ein Buch schreiben, das internationale Beachtung finden würde. Er sah die enorme Wirkung, die er schlussendlich auf Millionen von Menschen haben würde. Als dann die Jahre ins Land zogen, schrieb er das Ganze als Hirngespinst ab ... bis es Wirklichkeit wurde.

Von Anfang an nimmt Redfield mich auf, als sei ich ein Gast in seinem Haus. In gewisser Weise, so vermute ich, ist dies sein Haus–gebaut auf seinen Träumen, von seinen metaphorischen Händen–und schon bald werde ich feststellen, dass er sich um jeden hier mit einer Art der Aufmerksamkeit kümmert, wie man sie sich nur für vertraute Mitarbeiter bei der Verwirklichung eines Lebenstraums vorbehält. Er entschuldigt sich für einen Moment von der Besprechung und führt mich an der Kirche, wo gerade gedreht wird, vorbei, einen unbefestigten Hang hinunter zu einem Kreis von Steinplatten im Zentrum der Celestine-Ruinen, wo ein Großteil der Handlung stattfindet.

"Sie sind größer als Machu Picchu“, sagt er stolz, während wir weitläufige Steinstufen zu einer Plattform mit Blick auf den See des alten Steinbruchs emporklettern. (Er hat ein paar mit Ranken bewachsene schwimmende Säulen ergänzt, um ein gewisses Atlantisgefühl herauf zu beschwören, und ein computergesteuerter Wasserfall ist gerade in Arbeit). Der Werdegang des Films ist eine einzige synchronistische Reise“, fährt er fort. "Wissen Sie, auch wenn die Dinge nicht liefen, so liefen sie doch. Bis Januar hatten wir uns noch nicht entschieden, den Film zu machen und jetzt, im April, sind wir hier, um den Hauptdreh fertig zu stellen. Jeder aus der Filmbranche würde bestätigen, dass das schnell ist.“

Der Schweizer Psychiater C. G. Jung saß in seinem Büro und hörte einer Patientin zu, die ihm ihren Traum von einem goldenen Skarabäuskäfer erzählte. Bisher hatte der extreme Rationalismus der Frau ihre Therapie behindert, aber Jung wusste, dass der Skarabäus ein altes ägyptisches Symbol für Wiedergeburt ist, und fragte sich, ob der Traum wohl ein Fingerzeig des Unbewussten auf einen bevorstehenden Durchbruch wäre. Gerade, als er ihr seine Interpretation mitteilen wollte, hörte Jung ein schwaches Klopfen an seinem Fenster, und als er sich umdrehte, sah er, dass tatsächlich ein goldgrüner, skarabäusähnlicher Käfer gegen die Scheiben schlug. Er öffnete das Fenster. Der Käfer flog ins Zimmer und versetzte der Frau damit einen solchen Schock, dass ihr Widerstand durchbrochen wurde. Jung dachte daraufhin über bedeutungsvolle Zufälle nach und 1935, in einem Vortrag an der Londoner Tavistock-Klinik, prägte er den Begriff "Synchronizität“."Viele Leute, die damals in den 90ern skeptisch reagierten, stehen der Vorstellung heute aufgeschlossener gegenüber, dass es in uns Menschen höhere Fähigkeiten gibt, dass wir wirklich spirituelle Fähigkeiten besitzen,“ sagt Redfield. "Sie wissen schon: Intuition, das Gefühl, das Zufälle bedeutsam sind, die Entdeckung synchronistischer Zeichen und Eingebungen in unserem Leben. Ich möchte den Menschen helfen zu erkennen, dass es ständig soviel Geheimnisvolles in der Welt gibt. Ein spirituelles Leben zu führen bedeutet ja nicht nur asketisches Meditieren. Der westliche Teil der Spiritualität muss auch Berücksichtigung finden, und das ist Handeln, die aktive Teilnahme an einer fortlaufend stattfindenden Evolution. Hat man sich einmal dafür geöffnet, auf welch geheimnisvolle Weise wir bei dieser Teilnahme unterstützt werden–gelegentlich sehr verschlüsselt–, dann beginnt sich unser Leben auf eine Art zu entfalten, die jenseits von Zufällen liegt, und es offenbart sich uns so etwas wie eine Berufung oder Erkenntnis, dass wir hier sind, um etwas Bedeutsames für die Welt zu tun, und zwar in der Welt. Man gerät in einen Fluss, der sehr inspirierend ist, und ich glaube, dass dies der nächste Schritt in der menschlichen Evolution ist.“ 

Eine Woche vor Drehbeginn hatten Redfield und Co. die Julia, eine der weiblichen Hauptrollen, noch nicht besetzt. Während die Schauspielerin Annabeth Gish sich gerade auf einem Flug von Miami zurück nach Los Angeles befand, riefen sie ihren Manager an und baten ihn, er möge ihr das Rollenangebot unterbreiten, aber dies konnte Gish natürlich noch nicht wissen. "Es gab drei seltsame synchronistische Vorfälle“, erinnert sie sich. "Erstens: Als ich in Miami war, meinte jemand zu mir, ich solle mir unbedingt St. Augustine ansehen, es wäre ein schöner Ort in Florida. Zweitens, im Flugzeug saß ich neben einem Jungen, der sagte, dass er gerade dem Mädchen seiner Träume begegnet wäre. Ihr Name war Julia. Und drittens schrieb ich während dieses Fluges in mein kleines Tagebuch–ich habe keine Ahnung, wieso–‚etwas Magisches wird immer geschehen'. Das war weniger eine Prophezeiung, als vielmehr eine Art Ausdruck meines Vertrauens in die Welt.“ Als sie aus dem Flugzeug stieg, informierte ihr Manager sie natürlich über das Rollenangebot. "Das passte perfekt“, sagt Gish, "da es genau meiner Absicht entsprach, mich an einem Projekt mit spirituellem Inhalt oder Kontext zu beteiligen. Es war schon seltsam, wie ich diesen Wunsch aussandte und wie mir darauf geantwortet wurde.“ Am nächsten Tag war sie auf ihrem Weg zurück nach Florida, um mit den Filmaufnahmen zu beginnen ... in St. Augustine.

Mir fällt der Enthusiasmus in Redfields Stimme und die Energie und Lebendigkeit am Filmset auf. Ein greifbares Gefühl von Leichtigkeit und Positivität liegt in der Luft, das jeden zu berühren scheint. Die Art ihrer Zusammenarbeit, kaum überschattet von Sorge oder Spannung, wäre für jede Arbeitssituation ungewöhnlich, aber ganz besonders überrascht es bei einer Spielfilmproduktion, wo es, Barnet Bain zufolge, oftmals "brutal autokratisch“ zugeht, mit "legendären Geschichten über die Egos und Launen, die dabei ausbrechen“. "Dieses Team arbeitet völlig reibungslos, so habe ich noch kein Team arbeiten sehen“, meint Matthew Settle, der zwischen den Szenen auf der Ladefläche eines Pick-ups sitzt. "Wir machen einen Film, für den man normalerweise drei Monate bräuchte, in nur einem Monat. Jeder hat sich daran angepasst. Und wenn es einmal nicht so läuft, dann hilft die Energie von James. Ich glaube, ein Akt der Liebe ist eine Energie, die deine Sichtweise verändert, sodass du nicht mehr nur über dich selbst nachdenkst, sondern stattdessen über eine Gruppendynamik.“

Die Geschichten über Synchronizität, die ich hier höre, fallen weitgehend in zwei Kategorien:

1. Erstaunliche und 2. Fragwürdige. Redfields Beste aus der ersten Kategorie handelt von einem Teammitglied, das eine ganze Gruppe von Menschen, darunter seine Frau Salle, vor einem beinahe geschehenen Unglück bewahrte: "Dieser gigantische Kran kippte einfach vorn über, und es hätte katastrophal ausgehen können. Aber Tommy hatte so ein Gespür und sagte plötzlich: ,Hört mal, ich möchte, dass jeder sofort hier verschwindet, bewegt euch, alle!'“Kaum war die Gruppe unter dem Kran weg, stürzte er um; keiner von den alten Hasen hatte so etwas je erlebt. In die zweite Kategorie fällt das Hauptgesprächsthema des Teams an diesem Wochenende, bei dem es um eine bemerkenswerte Vogelbeobachtung während einer Szene mit einer Schießerei geht. Als ich durch den Canyon schlendere, in dem diese Szene sich am Tage zuvor zugetragen hatte, und einen explodierten peruanischen Touristenbus, der dort liegt, bestaune–der Motorblock wurde herausgeschleudert, der Boden ist übersät mit verkohlten Decken, geplatzten Wassermelonen und 0.5 Kaliber Patronenhülsen–höre ich zufällig, wie eine Frau beschreibt, was geschehen war: "In dem Bildausschnitt, über seinem Kopf, flog eine weiße Taube vorüber. Eine weiße Taube! Ich bekam wirklich Gänsehaut ...“ *

Zufälle der katholischen Art: Besucher am Drehort wurden angeblich von Blindheit, Krankheit, Taubheit und Epilepsie geheilt, überall konvertierten die Leute, und der Hauptdarsteller Jim Caviezel wurde sogar vom Blitz getroffen, ebenso wie der Regieassistent Jan Michellini–doch der gleich zweimal.

So sehr mich einige dieser synchronistischen Ereignisse auch faszinieren, so sehr sträube ich mich aber, zu viele folgenschwere Schlüsse zu ziehen, wann immer ein Vogel vorbeifliegt oder ein Fremder innigen Augenkontakt herstellt. (Für ein Buchprojekt über Synchronizität am Drehort wird ein Tagebuch über bedeutsame Zufälle geführt.) Im Lichte unseres entschieden individualistischen Zeitalters scheint die verbreitete Vorstellung, dass es keine Zufälle gibt und dass alles, was uns geschieht, einen Grund hat, nur allzu leicht zu einer perfekten Formel für eine Art selbst bezogenen abergläubischen spirituellen Narzissmus zu werden. Aber für Millionen von Lesern, die Chopra, Dyer, Coelho et al. treu sind, ist Synchronizität mehr als nur ein kurioses, unerklärliches Ereignis, das hier und da auftaucht–es ist eine Lebensweise. "Dies ist kein Fantasieabenteuer“, flüstert Redfield mit wachsender Intensität in der Stimme. (Wir müssen leise sein, weil jetzt drüben bei der Kirche gefilmt wird. Sie verwenden das Blue-Screen-Verfahren für spätere Spezialeffekte.) "Wir arbeiten hier aufgrund des Prinzips, dass es real ist, dass diese Geschichte eine wirkliche Alternative zu der Art ist wie die meisten Menschen normalerweise ihr Leben führen. Weißt du, es gibt viele Leute, die glauben, dass die einzige Möglichkeit zu überleben darin besteht, zynisch und argwöhnisch zu sein und nur die eigenen Interessen zu verfolgen. Und wir hoffen, ein Gegenmittel für diese Sichtweise zu haben.“

EIN GLAUBE FÜR DAS POSTMODERNE ZEITALTER

Kaum, dass wir unsere kollektiven Zehen in die noch unvertrauten Gewässer des 21. Jahrhunderts getaucht haben, müssen Glauben, Vertrauen und Optimismus bereits schwere Zeiten durchmachen. Die Bedrohung durch Krieg, Terrorismus und Umweltzerstörung türmt sich vor uns auf. Für viele sind die alten kulturellen und religiösen Geschichten, die uns Sinn gaben und uns halfen, unseren Weg in der Welt zu finden, immer weniger bedeutungsvoll und weniger unmittelbar geworden. Und obwohl die Wissenschaft uns viel gegeben hat, Gott hat sie uns noch nicht gegeben. Wer es in unserer ausgesprochen weltlichen Ära wagt, überhaupt an irgendetwas Heiliges zu glauben, der wird in der Regel für ziemlich uncool gehalten. Wenn es ein postmodernes Handbuch fürs Überleben gäbe, dann wäre das erste Kapitel vermutlich eine Einführung in die Vorsicht, ein Überblick über Ironie und Skepsis–insbesondere, was den Ausdruck jedweden Vertrauens in Belange der Seele und des Geistes angeht.

Es gereicht der Pop-Spiritualität zur Ehre, dass sie darauf brennt, die Spiritualität wieder populär zu machen und die Kluft zwischen der heiligen Dimension des Lebens und einer Welt zu schließen, die in vielerlei Hinsicht diese Dimension als ein aus der Mode gekommenes historisches Relikt hinter sich gelassen hat. Vielen von uns genügen die großen richtungsweisenden Erzählungen der Weltreligionen nicht mehr, wie dies einst der Fall war (das Bild der zerstörten Kirche auf dem Hügel trifft den Punkt genau). Wir können nicht zu einem Gott mit weißem Bart zurückkehren, der hoch oben zu Gericht sitzt und seine Gebote in kalte Steinplatten ritzt. Es hält eine demokratischere und egalitäre Vorstellung von Göttlichkeit Einzug, die offen ist für die Interpretation des Einzelnen und direkt auf seinen oder ihren persönlichen Erfahrungen basiert. Für immer mehr Menschen sind die materialistischen Erklärungen der Wissenschaft, der Religion der Moderne, ebenso unvollständig. Es wächst das Gefühl, dass wir nicht in dem Uhrwerk-Universum, das uns Newton und Descartes vererbt haben, steckenbleiben können–uns selbst entfremdet, unfähig, die nicht greifbaren Regungen in uns zu verstehen. Ein zeitgenössischer Absatzmarkt für Mysterium und Sinnhaftes entsteht.

Wenn man aus der Tatsache, dass ganze sechs Autoren weltweit über 150 Millionen Bücher verkauft haben, einen Schluss ziehen kann, dann diesen, dass sich der spirituelle Impuls im Menschen einfach nicht zügeln oder unterdrücken lässt, dass etwas in uns sich immer noch verzweifelt danach sehnt, genährt zu werden. Und ob es uns nun gefällt oder nicht, wir leben in einem Umfeld, das zunehmend von der generellen Konsumkultur bestimmt wird. Diese Kultur bildet den Kontext für weite Bereiche unseres Lebens, und ihre Selbstbedienungsrestaurants und Lebensmittelmärkte servieren denen, die danach hungern, auch spirituelle Nahrung. Gewiss, die Pop-Kultur ist das Reich des Oberflächlichen, des Künstlichen und Unwesentlichen, aber sie ist auch die eigentliche gemeinsame Grundlage der postmodernen Welt. Indem wir die Spiritualität von der Religion befreiten, haben wir sie selbst in die Hand genommen: Wir haben die Freiheit, ökumenisch, eklektisch und wählerisch zu sein. Und jetzt–mehr als zu jeder anderen Zeit in der Geschichte–sind Geheimnisse auf den demokratischen Marktplatz der Ideen gekommen, die für gewöhnlich verhüllt und nur für Eingeweihte bestimmt waren. Doch wie diese Autoren behaupten, gibt es ja eh nur eine ewige Wahrheit im Kern aller Religionen.

"Was wir in unserer Zeit wollen, ist die wirkliche Erfahrung von Spiritualität, nicht Ideologien oder abstrakte Beschreibungen davon“, sagt Redfield. "Man kann von jeder beliebigen religiösen Tradition kommen und diese Welle der Erfahrungen in den Prophezeiungen von Celestine reiten, denn es ist die Einheit der Erfahrung, die uns zusammenbringt. Es ist die allen Traditionen gemeinsame Erfahrung, die uns zusammenbringt.“ Indem er Erfahrung und Praxis den Vorzug vor Doktrin und Ideologie gibt, zielt Redfield darauf ab, den Pfad der inneren Transformation mehr Menschen zugänglich zu machen denn je. Es verwundert nicht, dass der Hauptfeind von Redfields Neun Erkenntnissen die katholische Kirche ist, deren Kardinal Sebastian im Buch tobt: "Dieses Manuskript ist ein Fluch. Es könnte die grundlegende Struktur unserer spirituellen Autorität unterminieren. Es könnte die Leute dazu verleiten zu denken, sie hätten die Kontrolle über ihr spirituelles Schicksal.“ Das ist tatsächlich genau das, was diese populistische Bewegung zu erreichen sucht. Und mit Hollywood an Bord wird ihr Einfluss auf unsere gesamte Kultur nur noch weiter steigen.

KAFFEE UND EINE POOLPARTY

Es ist Sonntagmorgen, der freie Tag für die Produktion, und ich sitze in einem einsamen Starbucks-Café in Ocala, Florida, wo die sengend heißen Parkplätze der Einkaufsmeile an die weiten grünen Weiden von Pferdegestüten der Weltklasse grenzen. Die Familien, die mit ihren Kleinkindern im Kinderwagen spazieren gehen und die Teenager, die vor dem Multiplex sitzen und Jamba-Saft trinken, ahnen wohl kaum, dass nur ein paar Meilen die Straße hinunter der Einzug einer aufkeimenden postmodernen Religion in die Welt des Kinos Formen annimmt. Der alte Steinbruch liegt im Wald versteckt auf der anderen Seite eines Jahrmarkts mit Riesenrad und Autoscooter, der diese Woche zu Ende geht. Auch der Dreh von The Celestine Prophecy geht in die Endphase. An diesem Nachmittag wollen die Schauspieler und das Filmteam mit einer Poolparty im Ramada Inn feiern, und ich hoffe, sie in ihrer Freizeit zu erwischen.

Während ich so da sitze und meinen Kaffee trinke, höre ich plötzlich den Klang einer vertrauten Stimme. Als ich mich umdrehe, entdecke ich Barnet Bain, der mit Regisseur Armand Mastroianni gerade zur Tür hereinkommt. Ich frage mich, ob ich in ein die Synchronizität verstärkendes Energiefeld geraten bin, das von dem nahe gelegenen Steinbruch ausstrahlt (oder auch nicht) und gehe hinüber, um die beiden zu begrüßen und einzuladen, sich zu mir zu setzen. "Es ist seltsam“, sage ich zu Mastroianni, den ich noch nicht interviewt habe, "ich hatte gehofft, heute die Gelegenheit zu finden, mit Ihnen zu reden.“

"Wir alle haben Intuition“, antwortet er lachend. "Wir alle sagen: ‚Oh, wow, gerade in diesem Moment habe ich daran gedacht.' Und wissen Sie, James' Botschaft ist, dass diese Dinge aus einem bestimmten Grund geschehen.“

"Ich wollte Sie fragen, was Sie, als Regisseur, zu diesem Film bewogen hat. Was unterscheidet, Ihrer Meinung nach, dieses Drehbuch von anderen, an denen Sie in der Vergangenheit gearbeitet haben?“

"Wissen Sie, Buch und Drehbuch sprachen zu mir von einem viel höheren Bewusstsein als dem, mit dem man normalerweise beim Filmen zu tun hat“, erwidert Mastroianni. "Ich sah sie als eine Liebesgeschichte über einen Mann, der sich in eine Philosophie verliebt, und so vieles von dieser Philosophie ist auf den Alltag anwendbar. Ich bin sicher, dass es Leute gibt, die mir widersprechen würden, die sie als geballten Unsinn kritisieren, als eine kurzfristige Lösung. Ich meine, jeder hackt auf diesen Jungs herum, ob Deepak Chopra oder John Gray, der Männer kommen vom Mars, Frauen von der Venus schrieb, oder Don Miguel Ruiz und Die vier Versprechen. Aber ich denke, diese Bücher geben den Leuten zumindest eine Chance und Hoffnung. Und schon aus diesem Grund halte ich sie für gut und für viel mehr als nur etwas sehr Oberflächliches. Alles, was dich dazu bringt, über dich und die Art, wie du dich verhältst und andere behandelst, nachzudenken, ist nach meinem Dafürhalten gut.“

"Glauben Sie, dass die ganzen Spezialeffekte und Spannungsmomente–Sie wissen schon, der Handlungsstrang à la Indiana Jones und die psychedelischen Energieeffekte–die Zuschauer von dieser Philosophie ablenken werden, die ja dafür gedacht ist, als Mittel für persönliche Reflexion ernst genommen zu werden?“

"Nein, das glaube ich nicht“, wirft Bain ein. "Hier geht es nicht darum, Überraschungsmomente zu kreieren, bei denen einem der Atem stockt, es soll etwas anderes bewirkt werden. Film ist ein modellierendes Medium, kein Verarbeitendes, wie die Prosa es ist, und arbeitet eher auf der Bauch- oder energetischen Ebene. Ich denke, man kann ruhigen Gewissens behaupten, dass das Verhalten der meisten Leute–und gewiss das junger Menschen–im heutigen Amerika und in Westeuropa stark von Film und Fernsehen beeinflusst wird. Ihre Gedanken, Glaubenssätze und Werte werden dort auf sehr überzeugende Weise geformt. Es ist schwer genug, offen für die Erkundung neuer Ideen zu bleiben, aber etwas so Einflussreiches und Mächtiges wie die Medien, die eine vollständige Wirklichkeitserfahrung bieten, kann einen dazu verleiten, zu vergessen, dass man überhaupt eine Wahl hat. Die Medien sind weniger eine Reflexion der Antriebskräfte innerhalb einer Kultur–sie definieren tatsächlich die Kultur. Und es ist ein großes Geschenk, wenn man Antworten auf das Leben formulieren kann, die neue Wahlmöglichkeiten sichtbar machen, die noch nicht erprobt und angepasst wurden, die aber auch nicht so sehr außer Reichweite sind, dass sie in die Welt der Fantasie gehören.“

Als ich zur Poolparty des Filmteams komme, sind die Festlichkeiten schon in vollem Gange–Wasservolleyball, Band auf der Terrasse, Armand Mastroiannis neuer Papagei Petey (das ehrenwerte Celestine-Maskottchen), die Schauspieler und die Crew an der Bar. Fasziniert von meinem Gespräch mit Bain und Mastroianni an diesem Morgen, bin ich daran interessiert herauszufinden, was das Filmteam über diese zunehmende Annäherung von Spiritualität und Pop-Kultur zu sagen hat. Ich nehme mir einen Gin Tonic und unterhalte mich eine Weile mit der Hauptdarstellerin Sarah Wayne Callies (Marjorie). Schließlich frage ich, wie sie über dieses Thema denkt.

"Ich glaube, kulturell gesehen befinden wir uns an einem interessanten Punkt“, sagt Callies. "Heutzutage studieren beispielsweise alle möglichen Leute die Kabbala, was seltsam ist angesichts der Tatsache, dass dies eigentlich Menschen über 40 vorbehalten war, weil man annahm, dass Menschen unter 40 darüber den Verstand verlieren könnten. Außerdem waren es Leute, die zunächst einmal jüdischer Abstammung waren, die aber auch eine lange Vorgeschichte und Bildung und Beziehung mit einfacheren spirituellen Prinzipien hatten und sehr leidenschaftlich waren. Jetzt gibt es da diese Art Pop-Mystizismus, die Vorstellung, dass man in acht Wochen ein Sufi werden oder Zugang zu tieferer Weisheit erlangen könnte, ohne etwas opfern zu müssen, und das bei einem Aufwand von nur 20 Minuten täglich. Das scheint mir sehr gegen alle Logik und völlig gegen meine eigenen Erfahrungen von tiefgründiger Spiritualität zu gehen: Ich meine, Spiritualität ist etwas, dem sich manche Menschen jede Minute ihres Lebens bis zu ihrem Tod widmen und danach dann noch die nächsten fünfzehn Leben.“

Während wir an unseren Drinks nippen, geht die Sonne hinter den Dächern der Nachbarhäuser unter. "Nahaufnahme! Nahaufnahme“, kreischt Petey auf der Schulter eines Kameramanns.

EIN MARSCH DURCH DIE GESCHICHTE

Die popspirituelle Woge, die landesweit auf die Kinocenter zurollt, ist ganz sicher nicht die Religion unserer Großmütter–oder vielleicht doch. Tatsächlich hat diese neue postmoderne Bewegung eine lange und illustre Geschichte, die bis in alte Zeiten zurückverfolgt werden kann. Was Gelehrten als "westliche Esoterik“ bekannt ist–der Oberbegriff für ein breites Spektrum religiöser Phänomene, deren früheste Wurzeln in die griechische Philosophie und die Tradition der judäochristlichen Schriften reichen–entwickelte sich zu seiner modernen Version zunächst in den Akademien der Renaissance. Im Lauf der Jahrhunderte hatte die westliche Esoterik dann verschiedenste Wege beschritten und unterschiedlichste Blüten getrieben, doch einige Dinge blieben gleich: die Vorstellung von der Natur als einem lebendigen, von Göttlichkeit durchdrungenen System, eine Betonung der mystischen Läuterung des Individuums und das Prinzip der Entsprechung von Sichtbarem und Unsichtbarem. "Das gesamte Universum ist ein gigantisches Spiegelkabinett“, schreibt der Historiker Antoine Faivre, "ein Ensemble von Hieroglyphen, die es zu entschlüsseln gilt. Alles ist ein Zeichen; alles birgt und verströmt Geheimnisvolles; jedem Ding wohnt ein Mysterium inne.“

Die Gelehrten der Renaissance kochten für die kommenden Generationen eine echte Florentiner Suppe. Hier ist das Rezept: Man nehme zwei Liter Neoplatonismus (metaphysische Theorie, die von Plato abgeleitet ist) und füge zwei Liter hermetische Philosophie (zurückzuführen auf den mythischen Hermes Trismegistos, Hauptinitiator der Idee einer Urweisheitstradition oder Philosophia perennis). Dann zerkleinere man je eine Tasse verschiedener okkulter Wissenschaften (Magie, Astrologie, Alchemie), rühre sie unter das Gemisch und bringe das Ganze zum Kochen. Anschließend runde man mit einigen Handvoll Kabbala ab und lasse alles zugedeckt für einige Jahrhunderte köcheln.

Als sich diese esoterischen Philosophien in der westlichen Welt ausbreiteten, wurden sie durch einige Schlüsselfiguren von bemerkenswertem Genius geformt und modelliert. Emanuel Swedenborg–ein erfahrener Wissenschaftler, mystischer Seher und revolutionärer christlicher Theologe des 18. Jahrhunderts–interpretierte die biblischen Schriften neu als Allegorie für eine individuelle Befreiung und verkündete die Ankunft eines Neuen Jerusalem auf Erden, das durch zunehmende persönliche Freiheit und eine ausgesprochen praktikable Spiritualität charakterisiert sein würde. Franz Anton Mesmer, weithin bekannt als Urvater der modernen Hypnose (daher "mesmerisieren“), war ein Physiker im 18. Jahrhundert, dessen bahnbrechende feinenergetische Therapien (die er "animalischen Magnetismus“ nannte) ein leidenschaftliches und nachhaltiges Interesse an der Erforschung und Entwicklung unbekannter Heilkräfte des Geistes weckte.

"Den bemerkenswertesten Schritt in der religiösen Geschichte der letzten Jahre machte das Genie Swedenborg“, sagte Ralph Waldo Emerson einmal. Emerson und seine amerikanischen Landsleute des romantischen 19. Jahrhunderts, die Transzendentalisten, trugen Swedenborgs Einfluss weiter, aber beließen es nicht nur dabei. Sie waren unter den Ersten im Westen, die Hindu-Schriften synthetisierten– so etwas wie Pioniere im damaligen Neuland der Ost-West-Spiritualität. Dem Gelehrten Martin Bickman zufolge leiteten sie eine neue amerikanische Metaphysik ein, welche "die aktive Rolle des Geistes bei der Formung von Erfahrungen“ betont. Und Emerson selbst (gefolgt von dem extravaganten russischen Medium Madame H. P. Blavatsky) war vielleicht der erste Denker, der die gerade aufgekommene Evolutionstheorie mit der östlichen Lehre über das Karma kombinierte und eine wegweisende westliche Spiritualität hervorbrachte, die im Entwicklungsprozess der Seele von Leben zu Leben den Schwerpunkt auf die Autonomie und Verantwortlichkeit des Individuums legte.

Apropos Blavatsky, ihre Theosophische Gesellschaft (gegründet 1875) spielte hinsichtlich der Aufnahme östlichen religiösen Gedankenguts in den westlichen esoterischen Rahmen eine ebenso zentrale Rolle und trug wesentlich zum Wiederaufleben des allgemeinen Interesses am Okkultismus und der Philosophia perennis bei. Um dieselbe Zeit legten die Nachfolger Mesmers und Swedenborgs die Samen für die "Erschaffe deine eigene Realität“-Schule–die New Thought-Bewegung. Basierend auf einer Neuinterpretation von Mesmers animalischem Magnetismus, die Dr. Phineas Quimby aus Portland/Maine zugeschrieben wird, verlagert die New Thought-Bewegung den Schwerpunkt von Mesmers feinstofflichen Energien auf die Heilkräfte der Überzeugungen und Erwartungen von Patienten. Im Laufe der darauf folgenden Jahre entwickelte sich eine ganze religiöse Psychologie des positiven Denkens und Wohlstandsbewusstseins, die unzählige christliche Glaubensgemeinschaften, die Präsidenten Teddy Roosevelt und Woodrow Wilson, die Industriemagnaten Henry Ford und Andrew Carnegie und die bekannten Erfolgsgurus Napoleon Hill und Norman Vincent Peale beeinflusste.

"Die meisten Überzeugungen, die das New Age charakterisieren, gab es bereits gegen Ende des 19. Jahrhunderts“, schreibt der Historiker Wouter Hanegraaff, "und das in solchem Umfang, dass man sich ernstlich fragen kann, ob das New Age überhaupt irgendetwas Neues bietet.“ Doch was das Kochen anbelangt, gab es da noch einiges zu tun–und wo die Italiener der Renaissance einen Suppenkessel benutzten, verwendeten die Amerikaner des 20. Jahrhunderts einen Turbo-Mixer. Mit einer nie da gewesenen Geschwindigkeit verarbeiteten viele bedeutende Modernisierer drei Hauptzutaten. Zunächst fügten sie der westlichen Esoterik die östlichen heiligen Traditionen hinzu, aber nicht nur in Form übersetzter Texte–schon bald landeten leibhaftige Weise aus Asien an den Küsten der Vereinigten Staaten. Der erste war Swami Vivekananda, der 1893 das Parlament der Weltreligionen in Chicago begeisterte und de facto der spirituelle Botschafter Indiens in den Vereinigten Staaten wurde. Auch der Zenmönch Soyen Shaku nahm an dem Parlament teil, und seine Schüler D. T. Suzuki und Nyogen Senzaki sollten bald folgen, um die erste Saat des Buddhismus in amerikanischen Boden zu pflanzen. Der legendäre Meditationsmeister Paramahansa Yogananda kam 1920. Seine Autobiografie eines Yogi (1946) verkaufte sich über eine Million mal und inspirierte Tausende von westlichen Suchern. Als 1965 die Einwanderungssperre für Asiaten aufgehoben wurde, die seit 1917 bestanden hatte, strömte eine Flut von hinduistischen, buddhistischen, Sufi- und anderen Gurus in den Westen und erfüllte die wachsende Gegenkultur mit frischer spiritueller Lebenskraft.

Die zweite revolutionäre Entwicklung war eine Synthese von Psychologie und Religion, wie sie an jedem anderen Platz der Welt unvorstellbar gewesen wäre. Schon etwa um die Jahrhundertwende forschte der multidisziplinäre Wissenschaftler William James (Sohn des von Swedenborg geprägten Theologen Henry James Sen.) nach einem innovativen psychologischen Verständnis der spirituellen Erfahrung. "Die größte Entdeckung meiner Generation“, sagte James in Anlehnung an seine Zeitgenossen der New Thought-Bewegung, "ist, dass die Menschen ihr Leben verändern können, indem sie ihre Geisteshaltung ändern.“ Drüben in der Schweiz arbeitete C.G. Jung, unter dem Einfluss deutscher und chinesischer Philosophie, als Empirist und als Schamane des Unbewussten. Seine ganz persönliche Fusion von Psychologie und Religion sollte später in Amerika in Mode kommen. In den 1960ern schließlich entwickelte sich die humanistische Psychologie als eine populäre Bewegung am Esalen Institute in Kalifornien, das von Abraham Maslow, Carl Rogers und Rollo May geleitet wurde. Auch dieses war insofern revolutionär, als es sich von den vorherrschenden psychologischen Schulen–dem Behaviorismus und der Freudschen Psychoanalyse–abwandte und auf eine neue Betonung menschlicher Werte, auf den Antrieb zur Selbstverwirklichung und auf mystische Gipfelerfahrungen hinwies.

Aber die wissenschaftlich-religiösen Überschneidungen beschränkten sich nicht auf das Gebiet der Psychologie. Neben diesen anderen Strömungen des frühen 20. Jahrhunderts schürten nun auch die gerade flügge gewordenen Theorien der Quantenmechanik endlose Spekulationen über versteckte Symmetrien zwischen Materie und Bewusstsein. Eine dieser Theorien war übrigens Jungs Prinzip der Synchronizität, welches er in Zusammenarbeit mit dem Quantenphysiker und Nobelpreisträger Wolfgang Pauli entwickelte. Während die 70er Jahre ins Land zogen und Fritjof Capras Das Tao der Physik (1975) die Verkaufsregale eroberte, war das Interesse an den Parallelen zwischen alter östlicher Mystik und moderner experimenteller Physik zu einem Pop-Phänomen angewachsen.

Mit der postmodernen Verknüpfung von Weltreligion und innovativer Wissenschaft bereiteten die zahlreichen Pioniere und Kundschafter den Boden für die Blüte des New Age in den 80ern und 90ern. Doch es fehlt noch ein letztes Teil dieses Puzzles: die Human Potential-Bewegung. Sie begann in den 60ern am Esalen Institute und breitete sich durch Hunderte von Personal Growth-Zentren über ganz Amerika aus. Durch wildes Kombinieren ausgewählter Lehren und Techniken aus verschiedenen Ländern und Perioden außerhalb ihres ursprünglichen Kontextes–Ost und West, Yoga und Psychotherapie–beschritt sie entscheidende neue Wege. Binnen kurzem nahm all dieses kreative Mischen und Zusammenfügen rasant zu, und was einst der Gegenkultur der Boheme vorbehalten war, wurde jetzt zur Hauptströmung: Von den griechischen Mystikern des Altertums bis zu den neuen Wissenschaften der inneren Welt, vom altehrwürdigen Vedanta bis zum modischen Neo-Paganismus, vom Tai Chi bis zum Tarot, von der Astrologie bis zur Positivität und von Walden Pond über heiße Quellen bis hin zu Whirlpools–eine moderne synthetische Religion war geboren.

In der heutigen Zeit braucht man schon Scharfsinn, um die ursprünglichen Zutaten des ganzen Gemischs voneinander zu unterscheiden. Das ist tatsächlich einer der beiden Hauptgründe, weshalb sich Historiker vom New Age fern gehalten haben. Der andere? Sie nahmen an, es handele sich um einen Modetrend, der vorübergehen würde. Aber sie wurden durch Hunderte von gefeierten Autoren eines Besseren belehrt, zu denen sich in Kürze einige Hollywood-Pioniere hinzugesellen werden.

DIESES LEBEN IST EIN UNBESCHRIEBENES BLATT

Heute ist ein großer Tag am Filmset–der Höhepunkt des Films wird gedreht, die letzte Konfrontation zwischen dem heldenhaften Jedermann und dem teuflischen Überschurken. Das Produktionsteam ist voller Eifer bei der Sache, hebt neue Löcher aus, um Bäume und Büsche umzupflanzen und damit die Landschaft für die Sequenz dieses Morgens zu modellieren, die auf den großen Zusammenstoß, der für den Nachmittag vorgesehen ist, hinführt. Gegenspieler zu Matthew Settles Protagonist John Woodson ist Jürgen Prochnow als Jensen, der im Buch eine untergeordnete Rolle spielt, im Film jedoch zum rachsüchtigen Hauptgegner aufgebaut wird (der Kopf eines mysteriösen internationalen Kartells, das versucht, die Verbreitung des Manuskripts durch Sprengung der Celestine-Ruinen zu vereiteln). Wir befinden uns oben auf einem Hügel, auf dem die Handlung stattfinden soll und von wo aus man Jensens Militärlager überblicken kann: Das Team bringt gerade die Jeeps auf Hochtouren, die Armee-Statisten haben ihre Generalprobe.

"Und ... Action“, ruft Mastroianni, als alles an seinem Platz ist. Woodson und sein Verbündeter, Pater Sanchez (Joaquim de Almeida), tauchen am Waldrand auf und kauern sich hin, um nicht entdeckt zu werden. Sie spähen durch das Blattwerk, um ihre Lage zu erkunden. Die Armee unterhalb von ihnen macht mobil; Jensen, in schwarzer Uniform, steht im Freien, von wo aus er die Operation überwacht und seinen Leutnants Befehle erteilt. Es bleibt nicht mehr viel Zeit, die alten Schriftrollen zu retten, die das menschliche Bewusstsein verändern sollen.

"Da draußen gibt es Helden, die alles transzendiert haben, über absolut alles hinausgegangen sind–und sie müssen unsere Vorbilder sein“, sagt Redfield, während wir die Handlung verfolgen. "Wenn du immer das Positive erwartest, was wird dann wohl geschehen? Dieser Vorsatz wird dich über den karmischen Ballast hinaus führen, und plötzlich bist du in einer Welt, in der dir immer seltener so genannte negative Dinge passieren, weil du stets davon ausgehst, dass dein Leben, statt eines Opferdaseins, vielmehr eine inspirierte Reise ist. Dieses Leben ist ein unbeschriebenes Blatt–erwarten wir Positives, werden wir es bekommen. Erwarten wir Negatives, werden wir dies ebenso bekommen. So groß ist unsere Macht.“

Die Vorstellung, dass unsere Gedanken buchstäblich unsere Realität erzeugen, ist eine zentrale Überzeugung des New Age–schon seit Anbeginn der New Thought-Bewegung. Tatsächlich zeigt sich ein unerschütterliches Vertrauen in das lebensverändernde Potenzial positiven Denkens in der einen oder anderen Form über die ganze Bandbreite dieser Bewegung. "Glaube, dass du alle Antworten bereits weißt, und du wirst alle Antworten wissen. Glaube daran, dass du ein Meister bist, und du wirst einer sein“, schreibt Richard Bach in Illusionen. "Du bist der Schöpfer deiner Realität“, sprach Gott zu Neale Donald Walsch in einem ihrer wichtigsten Gespräche, "und das Leben kann sich dir auf keine andere Weise zeigen, als auf jene, die du dir vorstellst.“ Es überrascht wohl nicht, dass viele Leute hier auf dem Set ähnliche Überzeugungen hinsichtlich der wunderbaren Kraft der Gedanken äußern. Und dann gibt es andere, die Fragen haben.

"Womit ich nicht weiterkomme“, hatte Annabeth Gish vor kurzem zu mir gesagt, "das ist diese ganze New Age-Vorstellung, dass man sein Schicksal durch positives Denken selbst gestalten kann. Was sagt man einer Frau, die Krebs hat oder ein behindertes Kind? Hat sie das durch negatives Denken kreiert? Das beraubt uns der Wissenschaft und der Materie. Die Metaphysik kann doch nur aufgrund der Physik existieren, und da ist es, wo diese ganze ‚Kunst der willentlichen Schöpfung' mir Probleme bereitet. Man kann doch nicht die Tatsache außer acht lassen, dass Chromosomen manchmal einfach nicht in Ordnung sind.“

Dasselbe hatte ich mich auch gefragt. "Glauben Sie wirklich, dass es möglich ist, alles, was uns geschieht, einfach dadurch zu bestimmen, dass wir unsere Gedanken kontrollieren?“ frage ich Redfield, als ich mich an die Voraussagen in seinen Büchern erinnere, dass in der Zukunft synchronistisch weiterentwickelte Menschen frei von Ärger sein ("schon bald werden negative Vorstellungen so gut wie völlig verschwinden“) und ein gefahrloses Leben führen werden ("alles Schlechte, das uns passiert, geschieht, weil wir eine synchronistische Gelegenheit verpasst haben, die es verhindert hätte“).

"Oh ja“, erwidert er. "Allerdings würde ich nicht das Wort ‚Kontrolle' benutzen. Wir kontrollieren unser Leben nicht wirklich, sondern spüren vielmehr den richtigen Fluss für unser Leben von irgendwo außerhalb unserer Selbst, und das Einzige, was diesen Fluss zunichte macht ist, etwas, das uns widerfährt, negativ zu deuten. Wir erschaffen nicht das, was geschieht–Menschen sterben, Menschen werden krank. Aber was wir selbst kreieren ist unsere Reaktion auf das, was geschieht und was wir an Positivem aus der Situation, in der wir uns befinden, machen. Alles, was man vielleicht für negativ hält, enthält eine Lernkomponente, einen Silberstreif am Horizont mit dem Potenzial, uns in eine noch erfüllendere Richtung zu lenken.“

Der Glaube an unsere Fähigkeit, unser eigenes Glück zu erzeugen, ist ein Eckpfeiler dieser Philosophie, und er ist auch typisch amerikanisch. Der amerikanische Traum ist der Traum von Reichtum und Überfluss, und die Pop-Spiritualität ist der vergeistigte amerikanische Traum, der von einem nahezu mythischen, unternehmerischen Optimismus angetrieben wird. Wie der Journalist John L. O'Sullivan, Schöpfer des Begriffs "Manifest Destiny“, 1839 schrieb: "Wir sind die Nation des menschlichen Fortschritts, und wer will und was kann unserem Vorwärtsmarsch Grenzen setzen? Die göttliche Vorsehung ist mit uns, und keine weltliche Macht kann uns aufhalten.“

Woodson und Pater Sanchez halten sich immer noch im Wald versteckt, von wo aus sie Jensens Lager beobachten und leise beratschlagen, was sie als Nächstes tun sollen. An einem Punkt während einer langen Filmsequenz benötigt Mastroianni mehr Blattwerk im Vordergrund, hinter dem die beiden sich besser verbergen können, deshalb nimmt Settle einen Zweig und hält ihn einfach vor sein Gesicht. Es ist eine Nahaufnahme und seine Hand ist außerhalb des Bildausschnitts. "Das ist meine Aufgabe“, sagt Woodson in todernster Absicht und blickt seinem Freund in die Augen. Dann springt er allein den Hügel hinunter und verschwindet zwischen den Bäumen, bereit, sich seinem Schicksal zu stellen.

DEN HIMMEL JETZT FINDEN

Am Nachmittag wird ein gefangener John Woodson von Jensens Wachen ins Lager gebracht. Die Situation sieht alles andere als rosig aus: Er ist ganz allein, unser schlichter Sozialarbeiter, der in Ereignisse geraten ist, die außerhalb seiner Kontrolle liegen, Ereignisse, deren Entwicklung davon abhängt, wie er auf sie reagieren wird. Jensen tritt aus dem Schatten. Mit einem langen Messer schält er einen Apfel. Der Zeitzünder der Bombe tickt, und das letzte Geheimnis der Neunten Erkenntnis ist noch nicht gefunden worden. So stehen die Dinge, und die einzige Hoffnung unseres Helden liegt darin, an die verschüttete Menschlichkeit eines Mannes zu appellieren, der seine Seele an die Dämonen Profit und Vorherrschaft verkauft hat. Mastroianni lässt diese Szene mit der Steadycam filmen, und während der Dialog eskaliert, umkreist der Kameramann die beiden–zwei Männer, zwei Weltanschauungen, in einem Duell verstrickt, während sich um sie herum alles dreht. Jensen hat das Messer noch nicht heruntergenommen. "Die Welt“, sagt er, "dreht sich um Macht.“

Das ist Hollywood-Entertainment. Aber es ist auch eine Aussage, die man ernst nehmen muss. "James hat dies stets als spirituelles Abenteuer beabsichtigt“, sagt der Produzent Beverly Camhe. "Ich denke, dass der Film ernsthaft zum Nachdenken darüber anregen wird, wieso die heutige Welt so ist, wie sie ist, und was wir tun müssen, um die Dinge zu ändern.“ In einer Zeit, wo immer mehr Menschen, von äußeren Konflikten und innerer Rastlosigkeit geplagt, auf der Suche nach Glauben sind, scheint es ein gelungener Coup zu sein, dass sich die ultimative weltliche Unterhaltung–das Kino–der Religion zuwendet.

"Vor Jahren wurden viele Filme über Christus gemacht“, sagt Mastroianni. "Aber dann hörte man damit auf, weil man annahm, diese Schwert- und Sandalenfilme wolle niemand mehr sehen. Aber jetzt leben wir in einer Zeit, wo die Menschen wieder nach spirituellem Sinn suchen. Und gewiss werden nach Die Passion Christi Filme dieses Genres besser beim Publikum ankommen als zuvor.“ Mel Gibson hatte sowohl die Mittel als auch den Einfluss, Hollywood in dieses Gebiet zu lenken; und James Redfield ebenso. "Wir zollen Mel für das, was er getan hat, Anerkennung–er hat das Eis gebrochen–aber wir hoffen, dass wir mit unserem Film den Rest der Geschichte bieten können“, meint Redfield zu mir, als für eine Wiederholung der Szene die Requisiten und Statisten in Position gebracht werden. "Dies ist unsere Offerte an die Menschen: Wir müssen nicht auf das Ende unseres Lebens warten; wir müssen nicht auf einen Lohn im Himmel warten. Die Welt ist so gestaltet, dass wir den Himmel hier und jetzt finden können, wenn wir gemeinsam daran arbeiten.“

Für diese wachsende weltweite Bewegung populärer Autoren ist die Aussicht, durch persönliche spirituelle Evolution und aufrichtiges Engagement in der Welt zu einem Himmel auf Erden zu gelangen, die aufregendste von allen. "Oft scheint es, als gingen wir rückwärts und nicht auf höhere, weiter entwickelte Visionen zu“, sagt Redfield, "aber wir wissen nicht, wie viele Schritte nötig sind, um uns alle dorthin zu bekommen. Müssen wir eine Art gigantischen ökonomischen Zusammenbruchs durchleiden, ehe wir lernen, unsere Technologie mit der Natur in Einklang zu bringen? Ich weiß es nicht. Ich denke, dass wir dies vermeiden können, aber ob wir es auch tun? Ich weiß es nicht. Aber ich vertraue völlig darauf, dass wir schlussendlich dorthin gelangen werden.“

Dennoch, wenn wir unsere Situation betrachten und Bilanz ziehen, dann scheint unser weiteres Überleben–ganz zu schweigen von unserer spirituellen Evolution–doch weit davon entfernt, gesichert zu sein. So beängstigend es auch ist, es zuzugeben, wir wissen nicht, wie viel Zeit uns noch bleibt: Empfindliche Ökosysteme stehen am Rande der Zerstörung; nichts deutet auf einen Rückgang ethnischer und religiöser Konflikte hin; unser politischer und bürgerlicher Diskurs spricht zunehmend unsere schlimmsten Ängste und unser gegenseitiges Misstrauen an. So Vieles hängt davon ab, ob wir gewillt sind, uns dieser herausfordernden Realität zu stellen, statt vor ihr zurückzuschrecken. Aber selbst angesichts der wachsenden Krisen wenden sich die meisten Menschen an der Schwelle eines ungewissen neuen Jahrtausends davon ab und widmen ihre Zeit und Aufmerksamkeit weiterhin dem zügellosen Materialismus eines nie endenden amerikanischen Traums.

Wenn die eigentliche Hürde in unserer Ära die Aufgabe ist, über Ziellosigkeit und Entfremdung hinaus zu gehen, dann müssen wir als Erstes einen Weg finden, unsere kulturelle Fixierung auf Künstlichkeit und unzählige Oberflächlichkeiten zu überwinden. Wir hungern nach Tiefe, während wir sie gleichzeitig unbedingt vermeiden, und treiben in einer Welt umher, die nicht an traditionelle religiöse Strukturen gebunden ist, welche uns in früheren Zeiten auf einen höheren Sinn ausgerichtet haben. Das ist der Preis, den wir für die freie Herrschaft von Individualität und Selbstbestimmung gezahlt haben. Aber vielleicht ist es die größte Ironie unserer mit Ironie geladenen Ära, dass der spirituelle Impuls, trotz der Bekehrung zum Weltlichen, die zu erreichen wir so eifrig gekämpft haben, weiterhin in Erscheinung tritt. Inmitten der Trivialität des postmodernen Lebens findet unsere Sehnsucht nach Seele und Substanz neue Formen und Wege–und jetzt, so eigenartig es ist, tröpfelt sie sogar durch die Bildschirme, Einkaufszentren und populären Taschenbücher hindurch.

Inwiefern diese säkulare spirituelle Bewegung uns helfen wird, in der stürmischen See des 21. Jahrhunderts unsere Orientierung zu finden, wird man sehen. Der Reichtum ihrer komplexen Geschichte, die nun mitten in Durchschnitts-Amerika hervorbricht, ist die Studie einer in der zeitgenössischen Pop-Kultur vorhandenen ironischen Spannung zwischen inspirierter Innovation und der Verwandlung der Empfindsamkeit zur Handelsware. Durch die Übersetzung zeitloser mystischer Wahrheiten in eine verdauliche und zugängliche Sprache haben zahlreiche bedeutende Autoren einen ansonsten unerreichbaren spirituellen Bereich für einen mit dem konventionellen religiösen Glauben unzufriedenen Teil der Bevölkerung geöffnet. Millionen haben einen Neuanfang gefunden–in der auf Erfahrung beruhenden Erkenntnis eines Teils ihrer selbst, der sich nach einem umfassenderen Ausdruck sehnt. Doch diese neu gefundene Zugänglichkeit hat auch ihren Preis. Denn in dem Rennen, die esoterischen Weisheiten der Jahrhunderte für einen immer größer werdenden populär spirituellen Marktplatz zugänglich zu machen, tendiert diese Bewegung dazu, die Realität unserer menschlichen Lage zu sehr zu simplifizieren und zu romantisieren. Und dadurch spielt sie die wachsende Komplexität der sich uns stellenden Herausforderungen herunter.

In der Neunten Erkenntnis behauptet Redfield, dass in Zukunft alle Menschen den Luxus eines Lebens "an den kraftvollsten und schönsten Plätzen dieser Erde" haben werden. "Unsere Bedürfnisse werden vollkommen befriedigt werden–ohne den Austausch einer Währung“, schreibt er, "doch ebenso ohne übertriebene Genusssucht oder Trägheit.“ Bei einer neuen spirituellen Ökonomie wird es darum gehen, dass wir "bezahlt werden, um uns frei zu entfalten und unsere einzigartige Wahrheit mit anderen zu teilen“. Obwohl ich, hielte mir jemand eine Pistole an den Kopf, nicht darauf bestehen würde, dass diese Art der Utopie, die Redfield sich vorstellt, niemals wahr werden wird, kann ich nur schwerlich glauben, dass Redfield, wie er behauptet, tatsächlich "der Weisheit letzten Schluss“ gefunden hat.

Sie sind noch beim Drehen, als ich mich verabschiede. Auf meinem Weg zum Flughafen halte ich für einen kurzen Imbiss an einem Lebensmittelgeschäft. Die Prophezeiungen von Celestine steht gleich vornan im Regal zum Verkauf. Es hat etwas eigenartig Beruhigendes, sie da neben Danielle Steel und dem Getränke-Kühlschrank zu sehen. Die Prophezeiungenvon Celestine sind Teil unserer Umgangssprache geworden, untrennbar verwoben in diese neuartige weltliche Fusion von Spirituellem und Kommerziellem, Mystizismus und Handelsware. An welch eigenartigem Punkt wir uns doch befinden, denke ich bei mir, als ich in der Schlange vor der Kasse warte. Und während ich dem nächsten Schritt in der beginnenden Spiritualisierung Hollywoods entgegen sehe, der schon im nächsten Frühling in die Kinos kommt, öffne ich mein Tütchen mit Sonnenblumenkernen und trete durch die Automatiktür ins Freie–gerade rechtzeitig, um eine weiße Taube zu sehen, die mit glänzenden, in der heißen Sonne Floridas flimmernden Flügeln eben den Himmel durchquert.